Hintergrundinformationen zum Schulsattel



"Man kann das Rad nicht neu erfinden", sagt man sich oft, wenn man Menschen mit "bahnbrechenden" Neuerungen auftrumpfen sieht und als "Insider" die Ursprünge der Erfindung kennt. Doch oft genug sagt man sich auch "warum hat das nicht schon längst jemand erfunden?"

An der Fürstlichen Hofreitschule und in den vielen Jahren als Showreiter zuvor haben wir die Reiterei durch viele geschichtliche Epochen hindurch recherchiert und ausprobiert, stets mit einem Auge auf den Überlieferungen und mit dem Lächeln der Experimentierfreude auf den Lippen. Experimentelle Archäologie kann man das nennen. Was uns vom trockenen Wissenschaftler unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir selbst in den Feldversuchen die Akteure sind.

Alle unsere Recherchen führten uns aus jedweder Richtung ins 18.te Jahrhundert, die so genannte Barockzeit. Die Reitweise der mittelalterlichen Reiterkrieger "Ritter" verfeinerte sich in dieser Zeit und erhob sich zu einer höfischen Kunst. Alle späteren Reitweisen und Reitstile berufen sich auf die Errungenschaften dieser Zeit. Es ist gleichwohl die Blütezeit der Reiterei. So mündete auch unser Forschen in den Schulen und Touren der Hohen Schule, genauer beschrieben in den Werken von de la Guérinière, dem erklärten Hohepriester der barocken Reitkunst.

Wer sich konsequent mit dieser Epoche und ihrer Reitweise befasst, versteht bald, dass es ein höfisches Treiben, eine elitäre Kunst war, die nur von Wohlhabenden betrieben und gefördert wurde und in direktem Zusammenhang mit ganz speziellen, damals unerschwinglich teuren Pferderassen steht. So sind es Nachfahren eben jener Berber, Andalusier, Lusitanos, Lipizzaner und Knabstrupper, mit denen wir unsere Feldforschung betreiben und die historischen Lektionen zu neuem Leben erwecken.

Doch ach je, mit der Reitkunst und den Vorzügen der Barockpferde ist im 19ten und 20sten Jahrhundert auch die Ausrüstung in Vergessenheit geraten, auf ein für alle erschwingliches Minimum reduziert, von jedem Rekruten zu bedienen und auf jedem Pferd gleichermaßen anzuwenden. Auf den kleinen, rundlichen, mit starker Schulterbewegung und kurzem Rücken gesegneten Barockpferden drückten und quetschten die für Warmblüter konzipierten Sportsättel, spätere ausdrücklich für Barockpferde entwickelte Sättel waren Kompromisse. Offenbar ging man das Problem von der verkehrten Seite an: Man versuchte die heutigen Sättel auf die Barockpferde anzupassen. Warum nur kam niemand auf den Gedanken, einen wirklichen Schulsattel des Barock nachzubauen?

Also bedurfte es auch in dieser Hinsicht umfangreicher Recherchen. Im Rüsthaus des Dresdner Zwingers gestattete uns der Kurator einen Blick auf ein Original des sächsischen Schulsattels und bereits 1994 baute Hofreitmeister Wolfgang Krischke aus den gewonnen Erkenntnissen einen eigenen Schulsattel.

Auf der Basis eines Distanz-Westernsattelbaums, der die Auflagelast großflächig verteilt und dem Reiter Halt und Bewegungsfreiheit zugleich bietet entstand ein zunächst recht wuchtiger Barocksattel, der noch heute, dreizehn Jahre später, beinahe allen Pferden in der Hofreitschule passt.. Schon im frühen 17.ten Jahrhundert bildete G.E. von Löhneysen einen solchen Schulsattel in seinem "Della Cavalleria" ab: Ein tief auslaufendes, weich gepolstertes Vorderzwiesel, einen aufgezogenen Sitz, ein prominentes Hinterzwiesel mit fast bis ans Knie auslaufenden Hinterpauschen. „Ein Reiter sollte zwar gerade sitzen, aber weder ins Hohlkreuz gehen noch den Oberkörper zurücklegen.“ Er saß halb auf dem Gesäß halb auf dem Spalt und ließ die Unterschenkel natürlich herunterhängen. „Ein Reiter soll mit den Schenkeln nicht zu lang noch zu kurz reiten, sondern das rechte Mittel brauchen…

Immer wieder probierten wir die unterschiedlichsten Innovationen am Markt aus und kehrten enttäuscht zu unserem eigenen Eigenbau-Schulsattel zurück, denn die Pferde bewegten sich nach einigen Tagen oder Wochen nicht mehr so frei wie gewohnt. Ratschläge unseres Osteopathen Klaus Steffan zielten immer wieder in die gleiche Richtung: Für diese Pferde bedarf es einer anderen Grundkonstruktion an Sattel. Die Dreipunktauflage ist ihnen unangenehm. Einzig die alten Eigenbauten befriedigten Ross und Reiter, das Auge des Osteopathen und unsere Anforderungen an einen sicheren, freien Sitz.

Gemeinsam mit Guido Bonsemeier und Ulrich Deuber entwickelten wir schließlich 2005 aus all unseren Erfahrungen einen eigenen Schulsattel mit der Absicht, ihn zu einer Serie auszubauen und der Reiterwelt anzubieten. Das Resultat nennt sich "Bückeburger Schulsattel" und vereint historische und hochmoderne Features zu einem logischen, sehr vielseitigen und anpassungsfähigen Freizeitsattel für Barockpferde.

Unsere Anforderungen an den perfekten Schulsattel waren hoch.

Der Sattelbaum musste elastisch sein, sich sowohl etwas vorgetieften Rücken als auch Pferden anpassen, die mit sehr dynamischen Bewegungen oder großer Biegsamkeit gesegnet sind.
Zu dieser Zeit entwickelte die Sattlerei Deuber & Partner ein verstellbares Kopfeisen, was nach einiger Erprobung tatsächlich die Möglichkeit bot, einen und denselben Sattel auf mehrere Pferde passend zu machen und mit wenigen Handgriffen dem PRE, dem Friesen und dem Knabstrupper oder einem sich veränderten Pferderücken anzupassen, falls ein Pferd auf- oder abmuskelt. Um diesen so vielseitigen Sattel optimal nutzen zu können, muss man sich als Reiter ein wenig mit der Anatomie des Pferdes beschäftigen, nach der Beratung durch den Verkäufer ist der Sattel ja jederzeit "bereit", sich veränderten Bedingungen anpassen zu lassen, doch muss man diese als Reiter natürlich auch erkennen.
Die Auflagelast sollte möglichst großflächig verteilt werden, mit breitem Wirbelkanal, am liebsten war uns der Gedanke eines individuell verstellbaren Polsters, auch hier sollten wenige Handgriffe genügen. Was von Deuber mit mittels Klett aufgesetzter Sattelkissen aus einem in Leder gefassten Hightechschaum realisiert wurde. Dafür entwickelten wir nachrüstbare Keile und orthopädische Kissen, sodass ein Bückeburger Schulsattel nie mehr zum Aufpolstern weggeschickt werden muss.
Dem Reiter sollte der Sattel bei tiefem Sitz einen sicheren Halt auch in schwierigsten dynamischen Lektionen bieten und mit modernsten Safety-Features ausgerüstet sein (Sicherheits-Bügelaufhängung, Dreiwegegurtung).
Das "sichere Gefühl" stand bei unseren reiterlichen Experimenten immer im Vordergrund, seien es die Schulen über der Erde oder einfach nur extremes Klettern im Gelände oder bei einem Buckeln und beim Einreiten. Die Sattelpauschen sind genau so auf dem Sattel gebracht, dass die historische Optik erhalten bleibt, der Reiter optimale Sicherheit empfindet und dennoch maximale Bewegungsfreiheit für die Reitweisen mit deutlichen Sitzhilfen hat.
Das erlesene Material der Deubersättel überzeugte uns sofort, feinstes Nubukleder und starkes, geschmeidiges Glattleder ergänzen sich in hochwertiger Verarbeitung bei einem angenehmen Gewicht und zum reelen Preis mit rundum passendem Zubehör.


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