Impressionen
Ein unvergesslicher Abend
Schon die Einladung zum fünfjährigen Jubiläum versprach ein besonderes Erlebnis, geschmackvoll luden mich SHD Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe als Gründer und Christin Krischke als Vorsitzende des Fördervereins der Fürstlichen Hofreitschule zu einer Abendgala mit Festempfang ein.
Ich trat die Anreise schon vormittags an, um die angebotene Führung durch das Bückeburger Schloss miterleben zu dürfen, ein echtes Kulturjuwel im Weserbergland – so hügelig und idyllisch hätte ich es nicht vermutet.
Für alle geladenen Gäste hielten die Mitarbeiter der Hofreitschule Namensschilder, Platzkarten für die Gala im Reithaus und eine Infomappe bereit, deren beeindruckenden Inhalt ich bei meinem Rundgang durch den Marstall studierte. Die achtzehn Hengste stehen in übergroßen Boxen und imponieren ebenso mit Stammbäumen und Rasseinformationen an der Stalltür, wie mit freundlicher, selbstbewusster und makelloser Präsenz.
Besonders hat es mir der Knabstrupper angetan, verlässt man ihn, beginnt er mit dem Huf an die Tür zu pochen und gibt erst wieder Ruhe, wenn man zurückkehrt und ihn durch die Gitterstreben krault. Ob ihm das nach 5 Jahren „Dienst“ in der Hofreitschule noch nie langweilig geworden ist? Der muss Menschen wirklich lieben.
Nach meinem Rundgang durch den blühenden Schlosspark wollte ich die Hofbereiter im Marstall treffen, zu Gesprächen, wie angeboten worden war. Ich wurde mehr als freundlich empfangen und lernte bei dieser Gelegenheit gleich mehrere der ebenfalls von weither angereisten Gäste kennen. Frau Krischke bot eine kleine Führung durch den Marstall an, der ich mich mit Herrn Branderup anschloss und aufs Neue von der Freundlichkeit der Hengste eingenommen wurde.
Ich hatte mich auf längere Reden und Ansprachen vorbereitet, die ich mir mit einem Glas Sekt der Hausmarke „Fürst Schaumburg“ erleichtern wollte, doch die Formalitäten hielten sich angenehm in Grenzen. Im Reithaus wurden wir von herrlichem mehrstimmigen Gesang des Bückeburger Kammerchors Cantemus begrüßt, der ebenfalls sein fünfjähriges Bestehen bekanntgab und reichlich Applaus entgegennahm. Durchlaucht begrüßte die Gäste nun noch einmal persönlich mit einigen wohlgesetzten, informativen und anteilnahmsvollen Worten. Die Hofbereiter wirkten zwar gespannt, aber auch sehr geschmeichelt von dieser Ehre, als sie anschließend ihre Begrüßung und die eigentliche Reitkunstvorführung begannen.
Wir lernten in den folgenden 70 Minuten viel über die Geschichte der Reiterei, die Ansichten und Einsichten der Menschen im 18ten Jahrhundert, zu Zeiten von Aufklärung, Humanismus und Barock und darüber, wie profane Tätigkeiten zur Kunst veredelt wurden. Herr und Frau Krischke wechselten sich erfrischend ab in der Moderation und es wurde keine Sekunde langweilig. Ich könnte nichts hervorheben, was besonders aus dem Rahmen gefallen ist, alles war perfekt inszeniert und mit einer Nonchalance und Leichtigkeit vorgetragen, dass mir das Herz auf- und nicht wieder zuging. Ich werde noch lange diese schönen Bilder vor meinem geistigen Auge haben, wenn ich künftig Pferde anschaue.
Zehn Hengste aller heute noch bestehenden Barockpferderassen wurden uns vorgeführt, gegenübergestellt und ihre Besonderheiten aufgezeigt, herrliche Vertreter ihrer Rassen und da war auch mein Knabstrupper Boxter wieder – vollkommen gelassen inmitten all der anderen Hengste auf der nur 12x24 Meter kleinen Reitbahn.
Wir sollten keine fertigen Kunstwerke erwarten, bei dieser Demonstration der Reitkunst, sondern verstehen, dass die Kreation selbst, der Prozess der Kunstschöpfung das eigentliche Kunstwerk sei – Frau Krischke verstand es, uns zu bannen und doch die Erwartungshaltung zu bremsen um sie dann mit den schönsten reiterlichen Darbietungen zu übertreffen.
In den Schulen über der Erde mit vier Hengsten durfte auch eine Elevin uns das „Zwischenprodukt“ ihres jungen hermelinfarbenen Knabstruppers zeigen, aus Pesade (herausragend gezeigt) und gestandener Kapriole (noch ein bisschen übereifrig) soll der Achtjährige bald eine Kapriole entwickeln. Diese Krone der Schulen über der Erde zeigten uns dann gleich zwei der Schulhengste, ein Neun- und ein Sechzehnjähriger.
Mich beeindruckte auch das teilweise reife Alter der Pferde, der Älteste war wohl der 22-jährige Levadeur Fuego, ein Andalusierrappe in vollem Saft und Glanz.
Für den Fall, dass es daran gehe zu beurteilen, wann Reiterei zur Kunst wird, gaben uns Krischkes einige schöne Richtlinien – das Auslassen der Hilfen wie zum Beispiel im Damensattel, wo ja das rechte Bein keinen Einfluss nehmen kann, sei ein Beweis für die korrekte philosophische Herangehensweise. Enorm, wie die drei Bereiterinnen ihr Pas de Trois im Damensattel auf die Violinenklänge der Czardas abstimmten, um mich herum sah ich nur fasziniertes Funkeln in den Augen. Neben mir saßen sechs Gäste aus Frankreich, in deren Mitte eine Mitarbeiterin der Hofreitschule fließend die Moderation der Hofbereiter übersetzte. Zuvor war mir aufgefallen, dass die Namensschilder einige andere Mitarbeiter als Übersetzer für Englisch, Spanisch und Portugiesisch auswiesen.
Wenn die Hofbereiter nun ihre schöne Kunst aber fast ausschließlich im Studium der angestaubten Reitkunstbücher erlernen, so Christin Krischke, müsse man auf der Hut sein, dass die Kunst nicht irgendwann künstlich werde und tue wohl daran, sie auf die Probe zu stellen, ob sie noch für das tauge, woraus sie entstanden sei.
Spätestens jetzt wurde mir bewusst, dass ich die Reiter die ganze Zeit über fast ausschließlich einhändig habe reiten sehen – und begriff im „Waffengarten“ auch, warum das so wichtig ist. Es wirkt so selbstverständlich und authentisch, dass man es gar nicht bemerkt. Um die Wette tummelten sich die Hofbereiter mit ihren Hengsten um vier Säulen, von denen sie mit einem Degen Blumensträuße aufzustechen und im fliegenden Wechsel eine Lanze zu ergreifen und ein Ringlein aufzustechen hatten. „Angewandte Reitkunst“ nennt man dies in der Hofreitschule und es ist der einzige Anlass, bei dem etwas „um die Wette“ dargeboten wird, wobei es nicht alleine um das Erlangen von Blumen oder Ringen, sondern vielmehr um den schönen Anritt gehe – Publikumsliebling wurde schließlich Diana Krischke, die in ihrer pirouettenreichen Choreographie um die Säulen herum „die beste Figur“ gemacht, jedoch längst nicht alle Blumen auf den Degen gespießt hatte.
Bei alledem Gezeigten erschienen auf der übergroßen Leinwand an der Querseite des historischen Reithauses Projektionen von Kupferstichen Alter Meister – dem portugiesischen Reitmeister Marialva und den Franzosen Pluvinel und Guérinère. Sie passten jeweils genau zu den gezeigten Übungen „unten“ in der Reitbahn. Wem bis dahin noch nicht bewusst geworden ist, dass die Fürstliche Hofreitschule ein Museum mit lebendigen Führungen in der historischen Reiterei ist, dem wurden hiermit eindrucksvoll die Augen geöffnet.
Im Anschluss an die Vorführung stellten drei Referenten vom Europäischen Dokumentationszentrum für Reitkultur und Reitkunst ihre wissenschaftliche Arbeit vor: Frau Prof. Dr. Christine Aurich vom Graf-Lehndorff-Institut, Herr Eberhard Weiss und Dr. Robert Stodulka. Hier diente die Leinwand zugleich als Projektionsfläche für die Power-Point- Präsentationen, alles wirkte sehr durchdacht und gut vorbereitet. Ich werde gespannt verfolgen, wie sich dieses Kompetenzzentrum künftig in die Medienlandschaft einbringen wird.
Die Mitarbeiterinnen der Hofreitschule führten die Gäste nun in den Festsaal der Stadt im Rathaus, wo wir uns nach einigen Fotoshootings, Presseinterviews und reichlich Händeschütteln einfanden. Nun wurde in kleinen Gruppen diskutiert, bekanntgemacht, gefachsimpelt und gelacht. Der Förderverein hatte ein opulentes Flying Buffet organisiert, zubereitet vom Küchenmeister des Ratskellers reichten die Fördervereinsmitglieder den Gästen auf Tabletts feinste Gaumenfreuden dar. Es war so reichlich, dass bis zum Ausklang der Veranstaltung gegen Mitternacht noch Speisen zum Vernaschen lockten.
Ich habe an diesem Abend viele neue Kontakte hergestellt, aus dem Kreis der Pferdefachtierärzte bin ich mit Dr. Ende und Dr. Ismer ins Gespräch gekommen, ich konnte Heinz Hackmann zu seiner gelungenen Knabstrupperzucht beglückwünschen und wurde Zeuge eines interessanten Disputs über das Für und Wider von Barockturnieren zwischen Richard Hinrichs, Bent Branderup und Wolfgang Krischke. An einem anderen Tisch verrieten mir die Namensschilder, dass der Präsident der internationalen Sporensammlergesellschaft die Chefin des Verdener Pferdemuseums zur Mitgliedschaft überredete und ein wenig abseits war Isabella Sonntag vom wuwei-Verlag mit einigen anderen Gästen von der Pferdefachpresse ins Gespräch vertieft. Als mein Blick dann auf Thies Kaspareit und Martin Plewa fiel, die sich angeregt mit Christin Krischke unterhielten, nahm mich eine nette Dame an die Seite und erzählte mir von den schönen Barockpferden Tschechiens – es war Frau Gotthardowa, Leiterin des historischen Museums in Slatinany und langjährige Zuchtleiterin der Kladruberpferde. Die eindrucksvollen Herren in grauen Ausgehuniformen erwiesen sich nach einem kurzen Blick auf ihre Schildchen als Oberste und Obertleutnants der Heeresfliegerwaffenschule in Bückeburg, an der Seite von Bürgermeister und stellvertretender Landrätin rundeten sie das Bild von einer bunt zusammengewürfelten, im Angesicht der schönen Pferde vereinten Gesellschaft ab.
Nach fünf Jahren eifriger Recherche und Vorarbeit ist es der Hofreitschule gelungen, vor einem überaus fachkundigen, vielschichtigen Publikum den Beweis zu führen, dass das Reiten im 18ten Jahrhundert ohne Grobheiten und Drill, ohne Gewalt und Zwang zu absolut verlässlichen, bis ins hohe Alter lebenstüchtigen Pferden geführt hat und heute noch zu führen in der Lage ist. Ein lebendiges Bilderbuch, ein Mahnmal, ein europäisches Kulturerbe, das jeder Pferdefreund besucht haben muss.
Anna-Maria Schmidt